Jesus und die Frau am Jakobsbrunnen

 Ein ganz ungewöhnlicher Text aus dem Johannesevangelium! Ein Text von einer großen Dichte und künstlerisch-literarischen Qualität. Kaum auszuschöpfen ist er. Deswegen greife ich nur einige Aspekte heraus, die mir wichtig erscheinen.

Alltagstranszendenz

 Wie oft ist die samaritische Frau diesen Weg zum Jakobsbrunnen gegangen! Tausend- zehntausendmal, wer weiß, vielleicht noch mehr! Der Weg zum Brunnen, der Weg zum Wasser, der Weg zu dieser Schöpfstelle gehörte zu ihrem täglichen Aufgaben. Ein mühseliges, langweiliges, vielleicht oft frustrierendes Alltagsritual!  Das wird sich, so lange sie hier lebt, nie ändern. Sie braucht Wasser. Wasser bedeutet Leben, und leben will sie. Nun sitzt da einer am Jakobsbrunnen, der sie um Wasser bittet. Er hat, erschöpft von der Wanderung, Durst. Aber dieser durstige Mann am Brunnenrand verheißt ihr, seltsam genug, gleichzeitig lebendiges Wasser,  Wasser, das in ihr zur sprudelnden Quelle  wird, die den Durst, den Lebensdurst, ein für allemal löscht und eine neue Art von Leben, „ewiges“ Leben, schenkt. Da kann sie nur wünschen: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.“ Der seltsame Mann am Brunnenrand unterbricht ihren Alltag, eröffnet ihm eine neue Perspektive und schenkt ihrem Leben damit eine nicht erwartete, aber höchst ersehnte Qualität.

Alltagstranszendenz in unserem Leben

 Kann es Ähnliches in unserem Leben geben? Rechnen wir mit einer Horizonterweiterung in unserem eintönigen, sich immer wiederholenden Alltag? Leben wir so, dass uns eine Lebensqualität erreichen kann, die uns erwartet und die wir eigentlich auch erwarten? Nehmen wir in unseren frustrierenden Alltagsritualen, die oft auch sehr fromm sein können, den wahr, der Durst nach uns hat? Sehen wir in unserem Alltagssmog den, der unseren tiefen Lebensdurst, stillen kann, der uns das lebendige Wasser schenkt, das in uns zur sprudelnden Quelle wird, die ewiges Leben schenkt?

 
Jesus, der Tabubrecher

 Dass Jesus dann, der seltsame Mann am Jakobsbrunnen, überhaupt mit einer Frau spricht, das schockiert seine Jünger.  Dass er aber als Jude mit einer Samariterin spricht, und sie sogar um  Wasser bittet, darüber staunt die samaritische Frau am Jakobsbrunnen. Gleich zweimal bricht Jesus also hier ein  religiös - gesellschaftliches Tabu.  Die Menschen sind für Jesus wichtig, egal ob Mann oder Frau, ob Jude oder Samariterin. Er weiß sich als der Repräsentant Jahwes des „Ich-bin-da“ für alle gesandt, ja er weiß sich mit ihm identisch. Das aber dürfen alle Menschen erfahren, denen er sich zuwendet oder die sich ihm zuwenden. Er spürt bei ihnen allen den Durst nach endgültig gelingendem Leben, und den möchte er durch eine Zuwendung stillen.

 
Bedingungslose Zuwendung

 Kann es Ähnliches in unserem Leben geben? Zuwendung zu allen, die sie erwarten oder nicht? Zuwendung als Ausdruck des im eigenen Leben erfahrenen „Ich-bin-da“ Gottes für alle? Auch auf die Gefahr hin, dass andere darüber schockiert sind oder sich darüber wundern und staunen? Könnten wir es wagen, selbst wenn wir dabei unseren guten Ruf und guten Namen verlieren?

 
Missverständnisse - Ablenkungsmanöver

 Jesus verwickelt die samaritische Frau in ein Gespräch. Sie selbst ist das Thema. Sie und ihre Existenzmitte stehen zur Debatte. Dass Jesus sie ent-deckt und offen legt, damit muss sie sich erst vertraut machen. Für die Inszenierung dieses Prozesses greift das Johannesevangelium auf die Technik der Missverständnisse und der Ablenkungsmanöver zurück. Sie tauchen im Johannesevangelium immer dann auf, wenn die „Welt Gottes“  mit der  „Welt des Menschen“ in Kontakt tritt und mit ihr  kommuniziert. So auch hier. Jesus führt  die Frau durch ihre Missverständnisse und ihre Ablenkungsmanöver hindurch. Ihr geht auf, dass sie bisher sich selbst und ihre Sehnsüchte nach einem letztlich erfüllten und gelungenen Leben aus nicht hinreichenden Quellen speiste. Die fünf Männer, die sie hatte und derjenige, mit dem sie jetzt zusammenlebt, können ihr und ihren Lebenssehnsüchten nicht genügen. Jesus ist der siebte Mann, der ihr begegnet – sieben ist die Zahl der Fülle – und wenn sie Jesus als den Messias entdeckt – Jesus offenbart sich ihr: „Ich bin es, ich, der mit dir spricht“, dann hat sie die wahre Quelle gefunden, die in ihr erfüllendes, gelingendes, beglückendes „ewiges Leben“ hervorsprudelt. Dann ist für sie die Stunde da, in der weder der Tempel noch der Berg Garizim der eigentliche Anbetungsort sind, sondern der Geist. „Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.“

 Ablenkungsmanöver bei uns

 Vermutlich gibt es Ähnliches auch in unserem Leben. Wie oft suchen wir die Quellen für das Gelingen unseres Lebens, oder was wir dafür halten, in Gegenden, die unserer Lebenssehnsucht nicht genügen. Eigentlich  „wissen“ wir das. Trotzdem verteidigen wir mit vielen Ablenkungsmanövern und Scheingründen diese Areale. Wenn Jesus uns darauf anspricht und uns damit für die „Welt Gottes“ als Quelle für das Gelingen unseres Lebens  anbietet, hoffentlich lassen wir uns dann von ihm führen wie die Frau am Jakobsbrunnen!  Dann werden wir ihn finden, das Inbild dieser „Welt Gottes“, die wahre Quelle, die auch für uns die lebendigen Wasser hervorsprudeln lässt, die ewiges Leben schenken.

 

Franz-Josef Janicki